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„Ist alles toll, ist nichts mehr wichtig“

„Beim Branchentreff Musiksymposium – The Music Meeting Day in Zürich standen neben dem Musikjournalismus auch die unterschiedlichen Erfolgsrezepte der Schweizer Indie-Labels im Fokus sowie die Frage, ob Schweizer Musiker überhaupt von ihrer Kunst leben können.

Hanspeter „Düsi“ Künzler beantwortete beim elften Musiksymposium als erstes die im Titel seiner Keynote aufgeworfene Frage „Traumberuf Musikjournalist?“ – und zwar mit: „eigentlich schon“. Der seit den 70er Jahren in London lebende Autor erklärte es zur Hauptsache, dass überhaupt über Musik geschrieben werde. „Und das mit Leidenschaft.“ Künzler erinnerte daran, dass in den 60er Jahren auf eidgenössischen Radiostationen in erster Linie Schlager, Volksmusik oder Klassik gespielt wurden. „

Wer in der Schweiz oder Deutschland zu dieser Zeit glaubwürdig über angelsächsische
Musik schreiben wollte, war gezwungenermaßen nicht nur Musikschreiber, sondern auch eine Art Dolmetscher.“ In den 80er Jahren, als Rock und Pop in den deutschsprachigen Ländern kurz eine zentrale Rolle innehatten, hätten Publikationen wie „Spex“ floriert, so der Schweizer. „Es ist kein Zufall, dass die große Mehrheit der Journalisten, die sich dieser Tage als Profis in den diversen Medien mit Populärmusik beschäftigen, aus dieser Generation stammen.“ Heute, wo es für Musik-journalismus immer weniger Budget und Platz gebe, finde sich auch immer weniger Raum für Verrisse. „Das stört mich.“ Begegne man nämlich bloß noch schwärmerischen Kri-tiken, verliere die Musikberichterstattung jeg-liche Konturen, befand Künzler. „Denn wenn alles toll ist, ist nichts mehr wichtig.“ 


Erfolg allein reicht nicht
Im Anschluss referierte „musikmarkt“-Korrespondent Markus Ganz zum Thema „Musik und Journalismus – ein Minenfeld“. Der Zürcher erklärte, Musiktexte würden schlecht bezahlt und es gebe auch immer weniger Raum für sie. Der allgegenwärtige Sparzwang führe zudem dazu, dass Musikthemen häufig nicht mehr von Fachleuten, sondern von Allroundern geschrieben würden. Die Situation in der Schweiz sei deshalb außergewöhnlich, weil die helvetische Pop- und Rock-Szene lange sehr klein war. Obschon diese unterdessen stark gewachsen sei, lasse die Berichterstattung zu wünschen übrig. Musiker wüssten es jedoch per se zu schätzen, dass man sich mit ihrer Kunst auseinandersetze. Von den Plattenfirmen erhoffte sich Markus Ganz ein stärkeres Be-wusstsein dafür, dass ein gutes Umfeld Vo-raussetzung für ein gelungenes Interview sei. Der freischaffende Journalist machte auch klar: „Erfolg ist kein zwingender Grund für eine Berichterstattung.“

Digital-Vermarktung stagniert
Danach widmete sich Georg Egloff, langjähriger CEO und Mitinhaber von Ticketcorner, dem Thema „Kampf um die musikalische Wertschöpfung“. Der 52-Jährige machte keinen Hehl daraus, dass die digitale Musikver-marktung stagniert. Und selbst am lange gepriesenen Live-Markt ziehen laut Egloff vermehrt dunkle Wolken auf. So habe die Besu-cherzahl im vergangenen Jahr nur gerade 1,4 Prozent zugelegt. „Die Luft für viele Veran-stalter ist gnadenlos dünn“, so Egloff. Das bleibe nicht ohne Auswirkungen auf Schweizer Musiker: „Für die bleibt verdammt wenig“, sagte der Gründer und Betreiber des Start-up-Unternehmens tixtec (s. Seite 84). Zahlt ein Kunde 40 Euro für ein Konzertticket, erhalte der Künstler gerade mal rund zehn Prozent des Endbetrages. Egloffs Erfolgsszenario heißt Selbstvermarktung. Musiker müssten sich selbst um Gönner, Sponsoring, Medien und Fanclubs kümmern. Egloff verwies aufs Bei-spiel Bo Katzmann, der seine Tickets etwa mit Meet-and-Greet-Möglichkeiten verbindet. „Das nenne ich Wirtschaftlichkeit.“

Schweizer Indie-Labels im Mittelpunkt
Beim anschließenden Panel „Schweizer Indies – Was ist ihr Erfolgsrezept“ berichteten Ver-treter von Indie-Labels über ihre unter-schiedlichen Strategien. Während Reto Laz-zarotto (Gadget Music) darauf hinwies, dass sich sein Unternehmen ausschließlich auf ein paar wenige Schweizer Acts konzentriere, stand Victor Waldburger von TBA/Phonag zum breiten Katalog seiner Firma. „Die Welt hat schließlich auch mehr als nur eine Farbe.“ Dennoch habe man ein klares Credo: „Bei uns müssen alle hinter einem Act stehen kön-nen.“ Fabienne Schmuki, CEO von Irascible, gab zu Protokoll: „Wir haben eine andere Ausgangslage, denn wir sind in erster Linie ein Musikvertrieb.“ Dabei sei es das Anliegen von Irascible, ein passendes Konzept für die Musiker zu entwickeln.
Unisono war man der Meinung, dass es in dieser Branche viel Idealismus brauche. „Wer dieses Geschäft einzig am Geld ausrichtet, sollte sich besser einen anderen Job suchen“, so Waldburger. Laut Lazzarotto müsse man be-reit sein, lange Jahre mit einer Band im Schüt-zengraben auszuharren. „Und manchmal setzt man dabei aufs falsche Pferd.“
Am Nachmittag war die Reihe zunächst an Ro-bin Hofmann, Geschäftsführer/Direktor von HearDis. Der Deutsche gewährte einen kurzen Einblick in die Konzeption, Planung und Durchführung akustischer Markenkommunikation. Oder wie Hofmann sagte: „Wir verbinden Musik mit Marken.“ Beim Panel „Kann ein Schweizer Musiker von der Musik leben?“ gab die frühere Lunik-Sängerin Jaël an, dass sie seit 13 Jahren von ihrer Kunst lebe.„Mal besser, mal weniger gut.“ Das sei ge-wöhnungsbedürftig. „Vielleicht kommt es mal soweit, dass ich nur von Musik leben kann“, sagte hingegen Adrian Erni, Frontmann der Gitarrenband Yokko. Bis dahin wird der 25-jährige Berner seinem Nebenberuf treu bleiben. Weil er unter „enormen Lampenfieber“ litt, wechselte Roman Camenzind von der Bühne hinters Produktionspult. „Die Perspektiven für Newcomer sind momentan sehr, sehr schlecht“, sagte er. Grund: „Wir haben keinen Markt mehr.“ Feind Nummer eins aus seiner Sicht: YouTube. Soul-Sänger Seven – der kommendes Jahr an der deutschen TV-Erfolgsshow „Sing meinen Song“ teilnehmen wird – gestand: „Ich hatte zwar nie einen Megahit, konnte mich aber langsam und stetig steigern. Doch jetzt stagniert das Ganze.“ Seine Forderung: „Eine Quote für Schweizer Musik.“ Jaël sieht sich nicht als Revoluzzerin, sondern zieht es vor, eigene Lösungswege zu beschreiten: „Ich fertige auch Sprach- oder Werbeaufnahmen an.“ Das klinge vielleicht ein wenig nach Resignation, doch: „Man muss sich vielfältig orientieren.“

Förderung des nationalen Repertoires
Während Andy Renggli von GfK Entertainment in seinem Referat ausführte, wie die Schweizer Hitparade funktioniert, bot Christoph Trummer, Präsident des Vereins Musikschaffende Schweiz, eine Bestandsaufnahme zum „Radioland Schweiz“: In den aktuellen Konzessionsverträgen mit den Privatradios, die bis mindestens 2019 laufen, spiele einheimische Musik quasi keine Rolle, hielt er fest. „Wir erwarten jedoch, dass eine Verpflichtung zur Förderung und zur Präsentation des einheimischen Musikschaffens zu den verbindlichen Bestandteilen jeder Sendeerlaubnis für die Schweiz gehört.“ Das abschließende Panel „Entwicklung der Live-Szene Schweiz“ drehte sich nicht zuletzt um die Tatsache, dass das Festivaljahr 2014 so schlecht lief wie noch kei-nes zuvor. Laut Oliver Dredge, Geschäftsführer des KiFF in Aarau, musste sein Klub im vergangenen Jahr bei den kleinen und mittle-ren Konzerten einen Besucherrückgang kon-statieren. „Es wird immer schwieriger, an die richtigen Acts zu kommen“, sagte er. Zudem gebe es eine immer größere Anzahl an Klubs, Festivals und Gratiskonzerten. „Das führt dazu, dass sich das Publikum zunehmend ver-teilt.“ Roman Pfammatter, Geschäftsleiter des Open Air Gampel, das 2015 ausverkauft war, gab sich vergleichsweise zuversichtlich: „Man muss sich dem Publikum anpassen und sich je-des Jahr neu positionieren.“ Dass kulturelle Aspekte bei dieser Art Vorgehen eventuell zu kurz kommen, wollte der Walliser allerdings nicht ausschließen. Er erachtete es als Problem, dass viele Schweizer Bands glaubten, An-spruch auf Erfolg zu besitzen. „Das ist aber kein automatischer Prozess.“ Florian Wäspe, Booker des ArtOn Kulturklubs in Zürich, meinte, dass letztlich das Publikum entscheide. In seinem Haus, wo man ganz auf Kollekten setzt, würden gewisse Bands mit 60 Franken nach Hause gehen, andere mit 500. Seine Sichtweise: „In der fünften Liga bekommen Fußballer auch keine Gage.“
Olivia Viteka, die Programmverantwortliche des elften Musiksymposiums, das von der Schweizerischen Vereinigung der Musikver-leger (SVMV) sowie der Association of Swiss Music Producers (ASMP) veranstaltet wurde, zeigte sich im Nachgang überaus zufrieden mit dem Event: „Ich glaube, wir hatten noch nie ei-nen derart gelungenen Music Meeting Day.“ Dementsprechend positiv sei auch das Feed-back von Teilnehmenden und Musikschaf-fenden ausgefallen. Einziger Wermutstrop-fen: „Aufgrund des spannenden Programms hatten wir mit ein paar Anmeldungen mehr gerechnet.“ Aus Aktualitätsgründen beginne man mit der Planung fürs nächste Musik-symposium erst im kommenden Jahr, aber:„Bereits jetzt sammeln und sichten wir Ideen und Vorschläge.“ | Michael Gasser

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